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ART:HOME-LESS

Von Claudia Schmuckli, Curational Assistant at Guggenheim Museum, New York

Publiziert in: ART:HOME-LESS, Katalog, Albrecht-Dürer-Gesellschaft, Nürnberg 1998

Moskau Subway
MOSKAU-Trailer

Home: legal der Wohnsitz mit fester Anschrift als architektonisch definierter und geographisch ortbarer Raum, sozial das Heim als gesellschaftliche oder familiäre Institution und emotional das Zuhause als Ort der Zugehörigkeit, als gefühlsmäßiger Anker der Intimität. Less ist weniger und bedeutet in Verbindung mit Home doch mehr: los als Steigerung ins Absolute — ohne festen Wohnsitz, ohne Heim, ohne Zuhause. Die Menschen, die als Homeless bezeichnet werden, scheinen nichts zu haben, weder Wohnsitz, noch Heim, noch Zuhause, um die sich ihre Existenz begründet. Und doch ist sie möglich. Die zahlreichen Homeless, die die Weltstädte bevölkern, erwecken den Anschein, als kämen sie ohne diese legale, soziale und emotionale Fixierung aus. Birgit Ramsauers Beobachtungen sprechen jedoch dagegen. Getrieben von ihrem durch ihre kurzen aber zahlreichen Aufenthalte in New York ge­weckten Interesse an dem Phänomen des Homeless-Seins, richtete sich ihr künstlerischer Blick vor allem auf die Straßen, Bahnhofe und Brücken dieser Stadt, das Home derer, die im öffentlichen Raum leben und sich dort eben doch so etwas wie eine Privatsphäre schaffen. Tüten, Eimer, Flaschen, Kleider, Decken und viele andere der Straße abgerungene Objekte definieren in Form eines Environments den Lebensraum der Homeless — eine fragile und immer gestörte Privatsphäre. Der Versuch einer Fixierung des Privaten im öffentlichen Raum, der lokalen Abgrenzung von einem Draußen, das nie draußen bleibt, sondern beständig eindringt und das mit wenigen Mitteln geschaffene private Drinnen innerhalb kürzester Zeit zerstört, auflöst und wieder dem Draußen einverleibt.

Es ist diese im Umgang mit den Homeless people gewonnene Erfahrung des Ungeschützten der Kreation, der Unvermeidlichkeit ihrer Zerstörung und somit der Bedrohung der Existenz, der sich Birgit Ramsauer in ihren elf Installationen und Aktionen, die das Projekt ART:HOME-LESS ausmachen, unterzieht, indem sie mit ihrer Kunst aus dem konventionellen Schaffens- und Ausstellungsraum heraustritt und sie einem öffentlichen Dasein aussetzt, in dem die Kunst kaum geschaffen, nach kürzester Zeit schon zerstört wird. Birgit Ramsauer verlegt nicht nur die Präsentation, sondern auch die Kreation ihres Werkes nach draußen, und setzt somit nicht nur ihr Werk, sondern auch sich selbst der reaktiven Willkür einer anonymen Öffentlichkeit aus, die diesem work in progress nur selten mit Interesse begegnet oder gar Verständnis entgegenbringt. „Artist at work" verkündet ein Schild, das die Künstlerin auf ihren Kunstzügen durch die Stadt begleitet, es ist, so hat sie herausgefunden, ein Schutzschild, das sie vor allzu heftigen Angriffen schützt. Begründet im Verhältnis der Künstlerin zu ihrem Werk wird diese Erfahrung der Kreation-Destruktion zu einer existentiellen und somit vergleichbar zu dem, was ein Homeless angesichts der kontinuierlichen Schaffung und Zerstörung seines so öffentlich und doch privaten Lebensraumes erfahren muss.

Die soziale Realität, die ART:HOME-LESS zugrunde liegt, wird zum künstlerischen Konzept umgedeutet. Ein Balanceakt, der sich der Gefahr des Missverstehens im Sinne einer anmaßenden und verharmlosenden Imitation einer existentiell am Abgrund stehenden Menschengruppe sehr bewusst ist und daher mit Bedacht die Distanz dazu sucht. Die formale Analogie des Homeless-Seins von Kunst und Mensch ist von einem wahrhaften sozialkritischen Anspruch getragen. Keine political correctness wird hier gesucht, sondern echte Anteilnahme, wie sie die Künstlerin in ihrem aktiven Engagement, ihrer Sozialarbeit für Homeless people auch außerhalb ihres künstlerischen Schaffens tatkraftig unter Beweis stellt.

Bei denen im Rahmen von ART:HOME-LESS geschaffenen Arbeiten handelt es sich zum einen um Installationen aus found objects, zum anderen um  theatralische  Inszenierungen  von   privaten häuslichen Szenarien.

Für ihre Installationen verwendet Birgit Ramsauer in Anlehnung an die Praktiken der Homeless people, Objekte, die unmittelbar der Straße, dem öffentlichen Raum entnommen sind, in dem und für den die Kunst entsteht. Dementsprechend subtil ist der künstlerische Eingriff, von großer Sensibilität für den jeweiligen Ort und seine Beschaffenheit sowohl in seiner Materialität als auch in seiner Inhaltlichkeit. Der Ort der Installation wird wie auch schon die Wahl des Materials von der Beobachtung der Homeless inspiriert, ihre Wahl bestimmt auch Birgit Ramsauers Wahl. So finden wir ihre Werke auf der Straße, am Straßenrand, in „toten" oder funktionslosen Räumen, in Bahnhöfen und Unterführungen, an Parkmauern und unter Brücken. Inhaltlich werden sie bestimmt vom Thema der Großstadt, wo das Phänomen des Homeless-Seins am ausgeprägtesten zu Tage tritt. Die künstlerische „Landkarte" Birgit Ramsauers liest sich fast wie ein Reiseführer: Broadway, Wall Street, Chinatown, Brooklyn Bridge, Grand Central Station, Central Park, Upper East Side, Upper West Side, Museum of Modern Art, Guggenheim Museum. Birgit Ramsauer raubt diesen Orten durch künstlerische Verfremdung ihre touristische Attraktivität, indem sie sie als Brennpunkte (a)sozialen Lebens markiert.

ART:HOME-LESS ist ein von New York inspiriertes und für New York konzipiertes Projekt. Die Stadt, in der die Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes ihre Kunst inszeniert, und ihre Dynamik werden zum bestimmenden Thema der disparaten und vordergründig losgelöst voneinander existierenden temporären Installationen der Künstlerin, die hier ihren persönlichen und Eindrücken Form verleiht. Tritt im einzelnen Werk der sozialkritische Anspruch zugunsten einer persönlicheren Dimension zurück, so bleibt doch der übergreifende Kontext, auf den sich Birgit Ramsauer bezieht, durch eine durchgängige Symbolik immer greifbar. Die Künstlerin hat die im New Yorker Straßenbild allgegenwärtige braune Papiertüte, in der das wenige Hab und Gut der dort Hausenden gehortet wird, aus der gegessen und getrunken wird, zum künstlerischen Leitmotiv des Projekts erklärt. Dieses „Wahrzeichen“ des Straßenlebens verbindet die einzelnen Arbeiten, indem sie leitmotivisch den Weg vom immer gleichen Ausgangspunkt, Bowling Green, zum jeweiligen Aktionspunkt markieren. Umgestülpt und mit Leuchtband am Boden fixiert, sind sie von einer einerseits alltäglichen Vertrautheit, in ihrem skulpturalen Charakter jedoch von befremdender Eigenart. Mit Hilfe dieser subtilen Verfremdung des Straßenbildes gelingt es Birgit Ramsauer die Aufmerksamkeit zu schärfen für die eigentlichen Installationen, die zum Teil demonstrativ aus dem Stadt- und Straßengeschehen hervorstechen, wie die den Broadway säumenden, so wie vorgefunden, mit rotem Leuchtband auf dem Boden fixierten Gegenstände, oder der aus Regenschirmen und Seidenstrümpfen geschaffene Tunnel im Tunnel der Grand Central Station, zum Teil aber auch kaum wahrnehmbare Eingriffe darstellen, wie die frgilen Bilder aus Tesastreifen und Haaren in Chinatown, die die ihnen zubestimmten Nischen verschließen und doch in ihrer ursprünglichen Offenheit bewahren oder die Bilder aus Ästen und Pferdehaaren, die die Mauer des entral Parks säumen und nur durch einen langen roten Leuchtstreifen am Boden hervorgehoben markiert werden.

Die Inszenierungen häuslicher Szenarien, die den anderen Korpus von ART:HOME-LESS bestimmen, versetzen nicht nur das Drinnen nach draußen, wie die Rekonstruktionen eines Wohn­zimmers auf der Brooklyn Bridge, sondern überführen private Handlungen in den öffentlichen Raum, wo sie auf einmal out of place erscheinen. Beckettschen Szenarien gleich werden im Kontext des Home natürlich erscheinende Handlungen zu absurden repetitiven Schemata, sinnentleerten Ritualen gleich, die durch die Gesichtslosigkeit der Darsteller, deren Köpfe unter Papiertüten verschwinden, als überindividuelle Mechanismen entlarvt werden. Home in Birgit Ramsauers Projekt ist ein Konzept, das aufs Genaueste untersucht und hinterfragt wird, mit dem Ziel, der Erweiterung. Birgit Ramsauer spielt jedoch nicht nur mit einem erweiterten Home-Begriff, sondern auch mit einem in Beuysscher Tradition stehenden erweiterten Kunstbegriff. Indem sie die von den Homeless geschaffenen Environments an den Beginn ihres künstlerischen Vorhabens stellt, wird natürlich auch die Frage aufgeworfen, inwiefern nicht nur ihr individueller künstlerischer Umgang mit diesen Objektsammlungen, sondern auch die Objektsammlungen der Homeless selbst zu Kunst erklärt werden können oder vielleicht sogar müssen, unabhängig von der Internationalität der Homeless selbst.

Soziales und künstlerisches Engagement lassen sich bei Birgit Ramsauers Projekt ART:HOME-LESS nicht mehr trennen, sondern verschmelzen sich zu einem vielschichtigen Gefüge, in dem soziale und künstlerische Fragestellungen eine untrennbare Einheit bilden, die in ihrer Konsequenz die in der Vergangenheit so oft heraufbeschwo­rene Verbindung von Kunst und Leben als ein „lebendiges Environment" vorführt.

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ABOUT CLAUDIA SCHMUCKLI: Erzbischoefliche Liebfrauenschule Cologne 1990 | Ludwig-Maximilians Universität München / University of Munich, MA, Art History, French Literature, Communication 1991—1996 | Curatorial Assistant Solomon R. Guggenheim Museum, New York 1997—1999 | Assistant Curator, Museum of Modern Art, New York 2000—2003 | Director and Chief Curator, Blaffer Art Museum, University of Houston since 2009.—"Schmuckli has been with Blaffer Gallery since 2004 when she joined the staff as director of public relations and membership. In 2006, she was appointed curator. Schmuckli has been a pivotal figure in the presentation of contemporary art in Houston. Her most recent projects for Blaffer were Chantal Akerman: Moving through Time and Space (2008) and the Houston Area Exhibition (2008). Past exhibitions include Amy Sillman: Suitors & Strangers (2007), Katrina Moorhead: A Thing Called Early Blur (2007) and Urs Fischer: Mary Poppins (2006). "I am excited to take the reins at this particular moment in time," Schmuckli stated. "I inherit a healthy institution with an exceptionally dedicated staff, enthusiastic board and an ambitious agenda. With new university leadership in place that has made the advancement of the arts one of its top priorities, this is a unique opportunity to build on past successes and to expand the reach of the museum's exhibitions and programs on and off campus." | Source: www.uh.edu/news-events/

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