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BIRGIT RAMSAUERS MOSKAUER TAGEBUCH

Bericht von Georgij Litichevskj, Moskau 1998

Publiziert in: ART:HOME-LESS, Katalog, Albrecht-Dürer-Gesellschaft, Nürnberg 1998

MOSKAU-Trailer

Drei Performance-Aktionen und eine Installation von Birgit Ramsauer in der russischen Hauptstadt sind das zentrale Glied eines mehrmonatigen Projekts, das in New York, Moskau, Marseille und Berlin realisiert wird. Die Performance-Aktionen, die Ausstellungen im Freien und die Finissage selbst fanden Anfang Juli statt. Ihnen gingen drei Monate Feldforschung voraus, die Künstlerin sammelte Textilmaterial, bereitete es auf und lebte sich in die reale Atmosphäre der Stadt ein. Sie versuchte, möglichst tief in die Besonderheiten Moskaus einzudringen, und so unterscheidet sich auch die Lösung des Themas ganz eindeutig von dem, was in New York gezeigt wurde. In jedem Teil des Projekts, wie die Kunstkritikerin Claudia Schmuckli bemerkte, „... social and artistic questions form an inseperarable unit." In Moskau kamen auch historische und kulturwissenschaftliche Aspekte zu den künstlerischen und sozialen dazu.

In Russland besitzt die Obdachlosigkeit ihre eigene Spezifik, die sich von der des Westens unterscheidet, und die Künstlerin musste es einfach spüren. Wie auch W. Benjamin, der vor 70 Jahren Moskau besucht hatte, vertraute Birgit Ramsauer mehr ihrem Gefühl, ihren persönlichen Kontakten und unmittelbaren Beobachtungen als der logischen Analyse.

Die Obdachlosen in New York gehören zum traditionellen Stadtbild. Auch in der Sowjetunion, in Moskau selbst gab es sie schon immer, aber ihre Existenz wurde verheimlicht. Die jetzigen russi­schen Obdachlosen sind ein Zeichen für die ungünstige soziale und wirtschaftliche, aber paradoxerweise auch ein Vorzeichen der Demokratisierung und Liberalisierung der Gesellschaft.

Im Gegensatz zu dem Westen, wo Haus und Privacy einander fast gleichzusetzen sind, garantiert in Russland ein Dach über dem Kopf dem einzelnen noch keine Rechte. Das zweite Paradoxon in Russland ist, dass die Obdachlosigkeit ein Recht auf Privatleben bedeutet. Der Mensch ergreift die Flucht, verlässt freiwillig sein Zuhause, damit er „er selbst sein kann" - dafür gibt es Tausende von Beispielen, angefangen mit Leo Tolstoi bis zu dem Obdachlosen, der seine einzige Wohnung verkauft (jetzt ist es erlaubt, die Wohnungen zu privatisieren und zu verkaufen, um Herr seines Schicksals zu sein).

In New York sammelte Birgit Ramsauer Gegenstände und Materialien, aus denen die dortigen Obdachlosen ihre Behausungen bauen. Ihre New Yorker Installationen entsprechen unterschiedlichen Privatsphären, die die amerikanischen Nichtsesshaften um sich herum zu schaffen versuchten. Das sind Obdachlose, die die Hoffnung nicht aufgeben, sich noch einen Platz an der Sonne zu ergattern. In Russland hegt keiner solch eine Hoffnung. Der russische Obdachlose versucht es nicht, sich einen Keller oder einen Metroschacht anzueignen. Sein ganzes Hab' und Gut hat er immer bei sich. Dies findet er überall, aber vor allem auf den Müllhalden.

Auch die deutsche Künstlerin verbrachte die ersten drei Monate ihres Aufenthalts in Russland auf der Müllhalde. Und gerade hier findet und sammelt sie die typischen Requisiten und besonderen Kleidungsstücke. Vielleicht hat sich die Künstlerin nicht darauf konzentriert, wie paradox das Thema der Obdachlosigkeit in Russland ist. Nichts desto trotz, die Tatsache selbst, dass ein ausländischer Künstler als erster dieses Thema aufgriff, ist ziemlich paradox. Übrigens nahmen Obdachlose an den Aktionen des Moskauer Künstlers Awgej Ter-Oganjan auch teil. Er hat sie in eine bekannte Ausstellungshalle eingeladen -eine schockierende, provozierende Geste.

Birgit Ramsauer will nicht provozieren und schockieren, sie will nur das Phänomen der Obdachlosigkeit erforschen. Ihre Feldforschungsmethode umfasst inneres Miterleben und Meditation, die begleitet werden von einer ausdrucksvollen Vergegenständlichung der inneren Erfahrungen.

Ursprünglich wurde ihre Installation in der Galerie Spider & Mouse dem Moskauer Publikum vorgestellt. In der Mitte der Installation standen drei riesengroße, mit Wachstuch beklebte Koffer. Für jede Performance wurde einem von ihnen der Inhalt entnommen und dann nach der Performance wieder in den Saal zurückgebracht, damit er seinen bestimmten Platz in der Installation wieder einnehmen konnte.

Die erste Performance fand in der Metro statt, wo die Künstlerin sechs Stunden ununterbrochen in : einem Wagen auf dem Inneren Ring fuhr. Sie trug ein Gewand, das aus den Kragen der Mäntel genäht war, die sie auf der Müllhalde gefunden hatte. Wie eine Schleppe wurde der lange Teil dieses Gewandes quer durch den Metrowagenausgebreitet. Die Fahrgäste reagierten mit phlegmatischem Unverständnis, manchmal auch mit Erschrecken. Die Miliz zeigte zwar Interesse, benahm sich aber nicht aggressiv und unterband nicht die künstlerische Aktion.

Der Raum um die Künstlerin wurde mit gelbem Klebeband beklebt. In New York mochte des Klebeband als ein Symbol für die Obdachlosigkeit verstanden worden sein, dort bauen nämlich die Nichtsesshaften mit Hilfe von eben diesem Klebeband ihre Behausungen aus Karton und grenzen sich von der übrigen Welt ab.

Für Birgit Ramsauer ist das Klebeband wohl weniger eine künstlerische Metapher als die konkrete Erinnerung an einen obdachlosen New Yorker Künstler, der in seinem Schaffen auch dieses Material benutzte. Auch in allen Performance-Aktionen wurde das Klebeband in irgendeiner Form verwendet. Zum Beispiel das Rechteck, innerhalb welchem die Künstlerin in der Metro saß und die Schleppe ausgebreitet hatte.

Ein anderes Rechteck wurde auf das Pflaster des Roten Platzes geklebt, direkt dem Lenin-Mausoleum gegenüber. Innerhalb dieses Rechtecks saß die Künstlerin in der Lotos-Stellung und meditierte, von ihr aus streckten sich in Richtung Mausoleum endlos lange Ärmel, die aus Dutzenden von Ärmeln genäht worden waren, von dort wo sie auch die Kragen gefunden hatte. Die Performance zog sehr viele Zuschauer an, doch dauerte sie nicht allzu lange wegen des Einschreitens der Miliz. Die Künstlerin wurde auch festgenommen, glücklicherweise nur kurz.

Die dritte Performance fand im Allrussischen Ausstellungszentrum (VDNH) statt. Die Künstlerin fesselte sich - wie Ikarus - an riesengroße Flügel, die aus den Vorderseiten der Mäntel angefertigt werden waren. Diese Flügel sollten von zwei Bäumen herabhängen, doch wurden sie am Abend der Performance vom Sturm heruntergerissen.

So wurde beschlossen, dass sie an einem Flugzeug, das auf dem Platz aufgestellt war, befestigt werden sollten. Die Performance dauerte sechs Stunden. Alle 15 Minuten verließ die Künstlerin ihren Platz, legte die Flügel ab und begab sich auf die Suche nach verschiedenen kleinen Gegenständen, die überall auf dem Ausstellungsgelände verstreut herumlagen. Alle Fundstücke wurden an den „Flügeln" angebracht; zum Ende der Performance wuchsen sie zu einer stattlichen Sammlung an. Dann wurden diese Flügel in die Galerie gebracht, zusammen mit den Attributen des Obdachlosendaseins, und so sahen sie bald wie die sonderbare Behausung eines nomadisierenden Sammlers aus.

Das Projekt ART : HOME - LESS wurde auf den öffentlichen Flächen der Stadt realisiert — die Installation in der Galerie diente dem Publikum als Präsentation. Gleichzeitig wurde die Künstlerin, die für Überraschungen bekannt ist, von einer Gruppe radikaler junger Avantgardisten begleitet. Die Performance in der Metro kann man als am realistischsten bezeichnen, die am Mausoleum als effektvoll und die auf dem Ausstellungsgelände als romantisch oder metaphysisch. Auf alle Fälle weckte die Künstlerin das Interesse des Moskauer Publikums und der Presse nicht nur durch die individuellen Besonderheiten ihres Projekts, sondern auch dadurch, dass sich ihre Aktionen in manchen Aspekten in den Kontext der Moskauer Künstlerproblematik einfügten.

An dieser Stelle kann man auch Kabakovs Installationen über den weggeflogenen Bewohner einer Gemeinschaftswohnung, eine Art sowje­tischer Ikarus, erwähnen, oder auch die neuesten Experimente junger Moskauer Aktionskünstler.

Übersetzung: Emöke Ullmann, M.A.

ÜBER DEN AUTOR: Georgij Litichevskj ist ein russischer Künstler und lebt in Moskau.

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