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AIR CONDITION

Rezension von Alexander Laudenberg, 1999

Publiziert in: ART:HOME-LESS, Katalog, Albrecht-Dürer-Gesellschaft, Nürnberg 1999

"... wir befinden uns im Bannkreis der Erde, doch hoch in der Luft,
Fremde von anderswo nicht Besucher, Beobachter der kleinen blauen Kugel
und ihren Bewohnern, dem Erdzoo, entfernte Passanten der Vorgänge dort unten
im Rundschauformat auf einem Aussichtsplateau, von ganz weit oben ..."

"... und wir fliegen übers Land und über die See im Sommer und wir suchen und
wenn es dort etwas gibt dann finden wirs nicht dann finden wirs nicht du
und ich wir sind Touristen ..."
oder doch?

Und wir nähern uns der neu alten Grenze der immer noch Grenze zu Kreuzberg - heute ein Aufeinanderstoßen zweier Bezirke - nicht mehr und nicht weniger. Dort Birgit Ramsauer am zweiten Juli 1999, 9.00 Uhr im Parkgelände an der Puschkinallee - der Beginn ihrer Berlinperformance, letzter Etappe der Reihe ART : HOME - LESS New York, Moskau, Marseille. Von hier aus der Gang entlang der verschwundenen Mauer, entlang der imaginären Linie Ost / West - Berlin. Start zu einer längeren Wanderung.

EQUIPMENT: Eine Einkaufskarre älteren Da­tums, Alugestänge mit Plastikrädchen im Omastil, darauf eine faltbare Kiste, auch Plastik, Typ, preiswert und praktisch.

INHALT: Angesammelte Plastiktüten unterschiedlicher Größe, Herkunft und Machart, Propangasbehälter, Luftballons in verschiedenen Farben, Rollen mit signalgrünem Klebeband, bekannt auch als Gaffertape, ein Knäuel Angelfaden, Mineralwasser.

LOOK: Die Künstlerin trägt eine signalgrüne Nylonperücke, Langhaarfrisur mit Pony, eine bunte, seidenähnliche Bluse, schwarze Röhrenjeans und schockgrüne Schuhe.

ÄSTHETIK: Trash, wobei durch den reinen Gebrauch der Dinge der abgegriffene Charme des Trashmaterials umgangen wird, was den Dingwert wieder erhöht.

FARBWAHL UND FARBE: Eine bestimmte Farbe, die jedes Projekt wie ein roter Faden durchzieht, wechselt mit der jeweiligen Stadt. Ob dabei grün für Berlin oder orange, seinerzeit für New York, mehr als nur rein zufällige Zuordnung erfährt, bleibt der Vorstellung der Betrachter überlassen.

Das Marker Tape grün nimmt penetrant direkten Bezug auf Schilder und auf Signale im städtischen Raum und übertrifft diese an Leuchtkraft. Die visuelle Wirkung von Autolack, Plakatwerbung, Hinweisschildern und Hausfassaden wird mit dem alles überstrahlenden Effekt der Signalfarbe - soweit heute noch möglich - getopt. Die Farbästhetik, orientiert sich am allgegenwärtigen Fun & Freizeitcharakter. Das fällt im Stadtteil Kreuzberg auf die Performance selbst wieder zurück. Die dort vorherrschende freakige Schrillheit im Straßenbild nimmt die Aktion in sich auf -neutralisiert diese. Birgit erzählt das und lacht darüber. Hier mischen sich zwei Welten, bei denen die Frage, echt oder künstlich, nicht mehr gestellt werden muss. Wie sollte sie auch beantwortet werden ? Die Performance taucht ab, getarnt im homogenen Einheitsbrei kreativistischer Alltagszeichen. Im Spiel mit der Wirklichkeit streut sich ihre Bedeutung: dort die pseudoarchaisch überzeichneten Körper der Berufsexaltierten: Piercing, Tatoo, Brandmahl, buntes Haar usw. Und hier eine Art Auswahl all dessen an einer Person: die Künstlerin geht im Look einer ewig jugendlichen Weltenbummlerin, die das, was sie an Submode im Straßenbild sieht, begeistert aufnimmt und dann gewollt oder ungewollt zur Parodie vermischt. Missverstanden, verstanden - unwichtig, weil unentscheidbar allein schon bei den Vorbildern, den 'Originalen' deren 'Authentizität' deren 'Szene' im Strom der Submoden ständig spielerisch wechselt.

Die gegensätzlichen Standpunkte der charismatischen Inszenierungsprofis Beuys und Kippenberger finden in diesem Kontext eine passende Zusammenführung: „Jeder Mensch ist ein Künstler" und „Jeder Künstler ist ein Mensch". Beide Positionen beginnen endlos verflochten aufeinander zu antworten: Fügt man die Aussagen aneinander, so wird das Gegensatzpaar Künstler -Mensch plötzlich verdreht aufeinander bezogen. Es beginnt im Wipptakt, wie eine kleine Maschine zu arbeiten. Jeder Mensch ist auch Künstler als Künstler auch Mensch und als Mensch wieder Künstler... etwa so. Der Wunsch nach Höhe auf dem Boden der Banalität und nach Einfachem aufgrund verwickelter Wirklichkeit ist in diesem Chiasmus kaum zu überbieten.

Air Condition - Verfahren und Gebrauch des Materials - eine Plastiktüte wird auf dem Straßenasphalt oder Gehsteig verklebt; der untere Teil der Tüte mit vier Klebestreifen in rechteckiger Form fixiert. Als nächstes werden ihre Griffe mit Angelschnur aneinandergebunden; ein Luftballon mit Gas aufgefüllt und am anderen Ende der Schnur fest verknotet. Der Ballon steigt empor und zieht an der Schnur, die Tüte streckt sich, wird straff. Die Konstruktion ist fertig und markiert einen Punkt in der Landschaft, dort wo einmal die Mauer gestanden hat. Die Künstlerin setzt insgesamt 250 solcher Punkte auf die so wiedererstehende Mauerlinie (gemeint ist die Mauer zu Westberlin) . Die Arbeit ist seriell. Machart und Material wiederholen sich alle fünfzig Meter in minimalen Abwandlungen.

Über den Tag wächst die Installation der wackelig, windschiefen Grenzmarken. Das Programm ist Marathon. Vom Wachturm im Schlesischen Busch, Bezirk Treptow geht es entlang des Mauerverlaufs bis zum Wachturm Kieler Straße in der Nähe des Invalidenfriedhofs im Bezirk Mitte. Zwischendurch gibt es Verzögerungen und Stops. Polizisten greifen ein als die 'Mauer' eine stark befahrene Straße durchquert. Natürlich hat sich vieles im Stadtbild verändert. Nach zehn Jahren sind gekappte Verkehrslinien längst wieder verbunden.

Das Polizeiduo ist in Deeskalationstaktik geschult. Die 'Mauer' muss weg, klar, „...aber nur hier dieser Punkt dort auf der Straße". „Ich würde auch helfen", sagt der kleinere Polizist und erläutert seinem Kollegen kurz, was das hier ist, nämlich Kunst, und was er davon weiß. Nicht viel, und doch auch nicht nichts. Birgit Ramsauer baut das prekäre Element mit ihm zusammen ab.

Bis hier gibt es Parallelen zur Kunst Christoph Schlingensiefs. Aber im Unterschied dazu geht es der Künstlerin nicht um die Rückeroberung des öffentlichen Kulturraumes der späten sechziger Jahre im Happening. Bei Schlingensief gelingt das teils, nämlich für die Zeit des Happenings selbst doch nicht darüber hinaus. Schlingensiefaktionen bleiben Zitat, dabei aber für die Zeit des Zitierens lebendig.

Auch Birgit Ramsauer kann heute, Ende der Neunziger, auf diesem Feld nur noch zitieren, doch tut sie es theoretischer, wenn man so will. Denn sie konzentriert sich nicht auf das vorhandene Eklatpotential im Zusammenhang mit der Polizei. Sie verzichtet auf den 'Grenzpfosten'. Ihr kommt es vielmehr auf einen langsameren Austausch mit den Leuten während des Arbeitens an. Die Nachzeichnung der Grenze darf dabei Lücken erdulden. Das Thema deutsch/deutsche Grenze beinhaltet eh zahllose Leerstellen aus Unsicherheit und Unausgesprochenem. Das, was in der Performance entsteht, was man sieht - das Kunstwerk im engeren Sinn - ist ein Teil und was sich daraus zwischen ihr und den Leuten ergeben kann und ergibt, der andere Teil ihrer Arbeit. Die Luftblasen des Grenzmals, das seicht Vergängliche und der Dilettantismus drücken die Last eines Mahnmals vom Kunstwerk weg auf seine Besucher. Was zu sehen ist bleibt nahezu immateriell und ist im Vergleich mit den Mauermuseen angenehm entfetischisiert. Bleibt die Chance „...einmal keinen Feiertag, ... zu begehen, ..." (1).

Die Frage ist, kann man ein historisches Monster mit einer gepunkteten Linie aus Einkaufstüten und Luftballons schnittmustermässig nachzeichnen? Und auch, kann man ein historisiertes, also ein historisch übercodiertes Phänomen mittels Happening greifen ? Ereignis wo bist du ? Solche Überlegungen können, bei der Fragilität ihres Gegenstandes nur unspektakulär und kampflos im Gespräch bearbeitet werden. Hier der Unter­schied praktisches vs. theoretisches Zitat und darin der Unterschied zu Christoph Schlingensief. In der Performancearbeit von Birgit Ramsauer ist der Austausch im öffentlichen Raum angelegt. Es bleibt Platz für Fragen. Die Einladung zur Beantwortung lag in Form der Aktion Air Condition vor und wurde von Passanten vor Ort wahrgenommen. Tüten und Luftballons, wie diese füllen ? Eine Aufgabe für Einheimische und für Touristen.

(1)Rembert Hüser, Hand und Fuß, in: Karl Heinz Bohrer (Hg.), Ästhetik und Rhetorik, Lektüren zu Paul de Man, Frankfurt a .M. l 993 , S. 134

ÜBER DEN AUTOR: Alexander Laudenberg ist involviert in Psychoanalyse und Philosophie. Beteiligte sich an einigen Kunstausstellungen.

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