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TANZ UND TAPE
ZU DEINEM NEUEN PROJEKT HEIMSUCHER + KOSMOPOLIT

Rezension von Alexander Laudenberg

Heimsucher
PERFORMANCE, Potsdam 2011

Abgesehen davon, dass ich mich beim Anschauen sehr gut unterhalten fühle, beeindruckt mich die Erweiterung der Dimension Deiner Klebeband-Raumfixation ( — gemessen an der langen Zeit in der Du schon mit diesem Material arbeitest): Im Tanz bekommt Dein künstlerischer Pfad der Ortsbestimmung, (welcher formal einen Aspekt aus der Kriminalistik ja zitiert,) spätestens zusammen mit dem Darstellungsmedium Tanz — und im Umgang mit der Tradition des Ausdruckstanzes um so mehr — den Aufzeichnungscharakter einer gerade erst vergangenen Dreidimensionalität. An Hand der sicher gesetzten Gaffa-Tape-Striche auf dem Bühnenboden geht hierbei zunächst ein Wechsel von der dritten in die zweite Raumdimension vor sich. Die Zeichnung am Boden verdrängt die dritte Dimension aus dem realen Bühengeschehen dann um so mehr, als das Auge die wachsende Zeichnung fixiert. Bei menschenleerer Bühne wird der Boden nahezu ganz zum Tafelbild. Was aber in solcher Transfomation der realen räumlichen und klanglichen Gegend in reine Imagination in Gestalt des Tafelbildes entsteht und die Raum/Zeit zunächst nur platt zu machen und auszulöschen scheint, findet sich in den Zuschauer verschoben an diesem wieder auf. Denn als Betrachter unterliege ich dem Automatismus, den verlorenen Raum der Fläche des Bodenbilds wieder an zu addieren, zu zu fügen und falle so auf mich selbst und auf die Bedingungen der Möglichkeit meiner Wahrnehmung von Raum (auch von Zeit) zurück. Dabei wird der Rest an Räumlichkeitsvorstellung zu den just verflogenen Tanzbewegungen auf dem Bühnenboden, welcher Augenblicke später noch rudimentär im Gedächtnis schlummert, zum fühlbaren Teil der eben erst vergangenen Bewegungsszenerie und damit fast schon bewusst. Es ist gerade die Brüchigkeit in der Reaktivierung des Vergangenen im Gedächtnis, die hier Chancen zur Einsicht in die Wahrnehmungsvorgänge bietet.

In Verbindung mit den aktualen Tanzbewegungen, die im Fall der nicht leeren, der tänzerisch neuerlich beschrittenen Bühne simultan zur aktivierten Kurzzeiterinnerung des vorangegangenen Geschehens auftauchen, birgt Dein / Euer Projekt auch eine vollständige Phänomenologie des Mediums Films in sich. Deren Kernpunkt wäre die Wechselseitigkeit zwischen wahrnehmendem Subjekt und wahrgenommenem Objekt. Der Einlass zur seiner Auffaltung findet sich genau in dem performantiell vollzogenen Zwischenschritt, dem Wechsel vom darstellerischen Raum- zum flachen Bild und wieder zurück.

Ausgehend von der darstellerischen Dreidimensionalität (im realen Tanzgeschehen), über die Räumlichkeitsreduktion in der Boden(ver)zeichnung mit Klebeband und wieder zurück zur Räumlichkeit, die die Verflachung des Raums- zum Tafelbild nach sich zieht, geht sozusagen der Gang Erkenntnis vonstatten.

Szenisch flüchtige Raumtiefe wird als erlernte, hergestellte Orientierungsbedingung im subjektiven Gedächtnis kurzzeitig irritiert. Das „Tafelbild“ am Boden gemahnt inhaltlich an diese dritte Dimension und schneidet sie gleichzeitig formal ab.

Von der objektiven Räumlichkeit getrennt, die der Betrachter nach einer verflogenen tänzerischen Szene nicht nur nach wie vor (und richtigerweise)[1] im dunklen Bühnengrund vermutet sondern auch unteilbar synchron mit seiner subjektiven Wahrnehmung wähnt, erhält er gerade durch diese Abtrennung der objektiven dritten Dimension im Außen den Einblick in seine subjektive (Nach-)Konstruktion der Außenwelt und damit Einblick in den Riss / Spalt zwischen subjektiver Innen- und objektiver Außenwelt. Diese Differenzierung wird während des Anschauens fühlbar, was im Kunden Kulturkonsument und seiner vermeintlichen Souveränität über die Szene Zweifel aufkommen lassen könnte.

[1] Von einer postmodernen, spätidealistischen Anzweiflung seiner objektiven Existenz bin ich weit entfernt. Eine Differenzierung von kulturell konditionierter subjektiver Innenwelt und objektiver Außenwelt bleibt hiervon allerdings unbetroffen.

ÜBER DEN AUTOR: Alexander Laudenberg ist involviert in Psychoanalyse und Philosophie. Beteiligte sich an einigen Kunstausstellungen.

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